Auftakt zur Ausstellung in der Burg Dudeldorf mit Speisen und Musik Künstlerpaar Stephan und Verena präsentieren neues Burgprojekt

Magen füllen - mit leckeren Finger-Food-Häppchen -, Ohren füllen - mit Bänkelsang und Matrosenweisen - und Augen füllen - mit Kunst vom Feinsten.

Mit Fisch und Farbe

 

 

 

 

Kunstgenuss und vieles mehr



Text von SYBILLE THEISS und INGE SCHNETTLER überarbeitet von STEPHANundVERENA.Photos von STEPHANundVERENA 14.-16.9.01

DUDELDORF. Mit einer "kulinarischen Reise durch die Kunst" haben "Stephan und Verena" ihre Ausstellung auf der Burg Dudeldorf eröffnet. Die Burg Dudeldorf öffnet nach langer Zeit wieder ihr Tor. Stephan und Verena, die beiden Künstler, die auch schon 1997 mit ihrer Video/Raumausstellung "Die Pest" in Dudeldorf für Aufsehen sorgten, leben seit Mai in der Eifel und präsentieren derzeit ihre neueste Ausstellung. Und sie sind ihrem Lebens- und Kunstkonzept treu geblieben. So wie sie 1995 die Burg Grimburg in ein Gesamtkunstwerk verwandelten ­ "Hexenwahn" - so war damals der Titel ­ oder ein Jahr später das Trierer Brüderkrankenhaus mit spektakulären Installationen zum Haus der Kunst machten, so ist es auch diesmal wieder der Ort, der die Inspiration der beiden 31-Jährigen weckte: eine leerstehende, dem Verfall preisgegebene Burg. Stephan und Verena, zurzeit mit leuchtend-blauem Haar, wären nicht Stephan und Verena, wenn sie nicht über den Kunstgenuss den Besuchern noch einiges zusätzlich bieten würden. So gibt es in jedem Themenraum passendes Essen, passende Musik.

Vor drei Monaten haben zwei Künstler begonnen das stiefmütterlich (un-)gepflegte Kleinod herauszuputzen. Das Karlsruher Künstlerpaar "Stephan und Verena" hat die Wände teils gestrichen, teils gelehmt, Möbel herbeigeschafft, Lampen aufgehängt, die Löcher in der Decke gestopft.

Seit dem Wochenende ist die Burg Galerie. Die Vernissage ist ein Experiment. Stephan und Verena starten mit einer "kulinarischen Reise durch ihre Kunst", verbinden Räume, Speisen und Musik mit Videoinstallationen und Objekten, die sie vor Ort entworfen haben.

40 Neugierige sind am Freitag, 80 am Samstag gekommen, um an dem Experiment teilzunehmen. In zwei Gruppen ziehen sie durch die Räume. Die einen empfangen Aliens im dunklen, gewölbten Raum im Erdgeschoss der Burg. Papp-Gestalten hocken, umringt von rot blinkenden Lämpchen, in einem sternförmigen Ufo, das gleichzeitig als Tisch für die Speisen dient. Die Gäste tauchen ihr Brot gemeinsam in Soßen und verspeisen die galaktische Sülze. Dabei trinken sie "Spacedrinks" und kommen miteinander ins Gespräch. Die Weltall-Atmosphäre unterstreichen fiepsend elektronische Geräusche und verzerrtes Funkspruchgemurmel. An den Wänden hängen Abbilder von grell-bunten Gestalten, die durch ihre übernatürlich langen Gliedmaßen und gebogenen Körper fremdartig wirken. "Man kann die Aliens förmlich spüren", sagt ein Gast, der die poppige Öl-auf-Holz-Malerei betrachtet. Der Blick durch eine Öffnung in der Wand, und das eigene Konterfei spiegelt sich im Gesicht einer abstrus-phantastischen Gestalt. Spontan stellt sich Entsetzen ein, aber nur kurz. Erleichternd wirkt das fröhliche Lachen der Umstehenden.

Dann geht es weiter. Wasser plätschert aus einer Flasche. Dass die Schüssel, die darunter steht, es auffängt, ist eine Illusion. Es gibt sie nur als Video auf einem Monitor. Die Bilder in dem Raum, in dessen Mitte eine lange Tafel mit Rindfleisch-, Käse- und Melonenhäppchen steht, "sind Highlights der letzten Jahre und unserer Formel1-Aktion 2001", erläutert Verena.

Im Rügenzimmer betritt das Publikum sandigen Boden. An der Decke hängen Fischernetze, den hell beleuchteten Raum erfüllt der Geruch frittierter Schrimps und Tintenfischringe, lichtdurchflutete, fröhlichste Bilder in einer Mal-Wisch-Technik mit Szenen, die mit dem Meer und der Seefahrt zu tun haben, manche fast aberwitzig komisch, dazu eine überdimensionale Flaschenpost, gefüllt mit einem kleinen Monitor, der unablässig den Wellenschlag des Meeres in die Dudeldorfer Burg transportiert. Über ein Jahr lebten die beiden auf der Ostseeinsel Rügen, ihre Eindrücke brachten sie mit in die Eifel. Dazu greift ein Original-Matrose mit Ringelhemd, Tätowierungen, und Kapitänsmütze in die Tasten seines Schifferklaviers und gibt in Freddy-Qinn-Manier Lieder vom Meer zum Besten: "Junge, komm bald wieder" - "Nimm mich mit, Kapitän, auf die Reise".Die Stimmung unter den Gästen wird auf einen Schlag gelöster. Sie singen mit, unterhalten sich. Vier Vitrinen mit Postkartenausgaben der Gemälde dienen als Tische.

 

Eine Besucherin kann beurteilen, wie viel Arbeit in dem Kunstprojekt steckt: "Ich war vor Wochen schon eimal hier. Die versifften Räume sind jetzt wunderbar. Das war Knochenarbeit." Mit einem Zwischen-Stop im "Rauchsalon" mit erotischen Motiven geht es weiter ins Turmzimmer.

Spektakulär auch der Turmraum: Die Beleuchtung ist schummrig. Am Boden laden Strohballen zum Sitzen ein. Die Wände haben Stephan und Verena mit Lehm in gemütliches Ockergelb getaucht. Im Kamin brennen vier Feuer – Videoaufzeichnungen auf vier Monitoren, eingebaut in Colakisten, die unablässig jeweils ein anheimelnd-flackerndes Feuer zeigen. Richtig warm wird es im Raum. So überzeugend können (Fernseh-)bilder wirken. "Wolthär" singt bretonische Tänze und spielt die Konzertina. Zünftig wie die Musik und die in braunen Farben und Naturstoffen gehaltene Kulisse ist auch das Essen: Wildrahmsuppe in Terrinen, die aus Brotteig gebacken sind. "Ich finde die Verbindung des Ortes mit der Kunst faszinierend – und, dass man die Besucher mit allen Sinnen einfängt", lautet das Urteil eines Gastes. Neben den bereits bekannten Drucken stellen Stephan und Verena in Dudeldorf großformatige Gemälde aus. Traumhaft und fast klassisch die Rückenakte "David" und "Davidine". Spektakulär auch die Serie der "Formel-1-Bilder", außergewöhnlich der Bildschnitt, intensiv die Farbgebung.

Als die Gruppen nacheinander alle Speise-Galerie-Zimmer durchwandert haben, atmet Verena auf: "Die Leute wussten nicht, was sie erwartet. Ich würde sagen, es ist geglückt. Was ich irre finde, ist dass die Leute, die am Anfang skeptisch ihre Eintrittskarte gekauft haben, mich am Ende gedrückt haben". Ein dritter Hausbewohner hat sich in der Burg eingefunden. Jimi, die zahme Hausdohle, sucht sein bevorzugtes Plätzchen. Und findet es. Auf Verenas Schulter macht er es sich bequem, putzt sein Gefieder, knabbert an Verenas Ohr. Ein Gesamtkunst- und Lebenswerk. Wieder einmal haben Verena und Stephan einen Ort in Besitz genommen, ihn für einige Zeit verändert, gestaltet, zu einem Mittelpunkt für Kunstfreunde gemacht. Nie wieder wird die Burg Dudeldorf in den Dornröschenschlaf fallen. Zu eindrucksvoll und bleibend werden die Erinnerungen in den Köpfen der Dorfbewohner und Besucher weiterleben. Die Burg ist bis Ende Oktober immer sonntags ab 14 Uhr geöffnet.